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Gutes, interessantes und wahres Stück mit traurigem Ausgang:
• • • • • (bewertet mit 5 von 5 Punkten)
Rezension bezieht sich auf: Die Kindermörderin: Ein Trauerspiel. Dazu die Schlußszene aus der Bearbeitung von Hacks, Peter (Taschenbuch) Die Kindermörderin von Heinrich Leopold Wagner (1776)
Wagner ist mit dem Drama "Die Kindermörderin" eines seiner tragischsten Werke gelungen. Er versteht es die verschiedenen damaligen Gesellschaftsschichten und die Sittlichkeit beziehungsweise die Unsittlichkeit der einzelnen Stände erstaunlich realistisch darzustellen. Dabei spielen die vier Gesellschaftsschichten, nämlich die bürgerliche der Familie Humbrecht, die religiöse des Magisters, die weltliche des Fiskal und seiner Fausthämmer und die adlige der militärischen Offiziersschicht, eine grosse Rolle. So kommt es auch immer wieder zu Vorurteilen, absichtlichen Irreführungen und sich daraus ergebenden Irrtümern zwischen den Angehörigen der ungleichen Stände. Während des Lesens wird es einem möglich, sich in die damalige Zeit hineinzuversetzen. Es ist interessant aus der Sicht von heute etwas über die damaligen Vorstellungen zum Beispiel in Bezug auf das Heiraten zu erfahren. Die Jungfräulichkeit der Braut, das Versprechen des Heiratspartners sowie die Ehelosigkeit des Soldatenstandes waren wichtige Aspekte. Wir können miterleben, wie Evchen, die Hauptperson, im Verlauf der Tragödie eine Wandlung durchmacht. Anfangs will sie der gesellschaftlichen Norm entsprechen und verhält sich so, wie es alle von ihr erwarten. Dabei wird sie in ihrer Freiheit eingeschränkt. Es ist ihr nicht erlaubt selbst zu urteilen und Selbständigkeit zu entwickeln. Viele ihrer Verhaltensweisen sind auch auf die Angst vor ihrem Vater zurückzuführen. Evchens Vater ist ein Handwerker, der sich emporgearbeitet hat, dem aber vieles am Bürgertum, zu dem er gehören möchte, überhaupt nicht passt. Er versucht die für ihn richtigen, konservativen gesellschaftlichen Normen zu erfüllen, indem er Evchen von allen Vergnügungen des Lebens fernhält und ihr nicht erlaubt die Welt zu entdecken. Dennoch ist Humbrecht kein Spiegel des Bürgertums, da er ja erst vom Handwerker zum Bürger aufsteigen möchte. Hier werden zugleich zwei typische Themen des Sturm und Drang ersichtlich: der Generationenkonflikt und der "Gewaltskerl". Nachdem Evchen unehelich schwanger geworden ist, flieht sie von zu Hause, weil sie einen Brief bekommen hat, in welchem von Gröningseck ihr mitteilt, dass er sie nicht heiraten wird. In Wirklichkeit wurde der Brief jedoch von seinem Freund Hasenpoth verfasst, der die durch eine nicht standesgemässe Ehe bedrohte Ehre Gröningsecks retten will. Weitere Gründe sind auch in ihrem Charakter, wie Frömmigkeit, Empfindsamkeit, Verehrung der Eltern, aber auch Angst, und in demjenigen ihres Vaters zu suchen. Evchen findet Unterschlupf bei einer Lohnwäscherin und gebärt dort das Kind. Nach der Geburt wird Evchens Depression verstärkt, einerseits, weil sie sich Selbstvorwürfe macht, dass ihre Mutter aus Kummer über sie gestorben ist, anderseits aber auch, weil sie sich als Mutter überfordert fühlt und ihr vor Hunger schreiendes Kind nicht säugen kann. In dieser verzweifelten Lage tötet sie ihr Kind in einem Anfall von Wahnsinn. Niemals hätten wir gedacht, dass Evchen zu einer solchen Tat fähig ist. Wagner ist es sehr gut gelungen mit dem Verhalten Evchens darzustellen, wie es vielen Frauen im 18. Jahrhundert ergangen ist und dass infolge der damals bestehenden gesellschaftlichen Normen die Kindstötung ein häufiges Ereignis war. Das war auch der Grund, weshalb viele Schriftsteller die Kindstötung zum Thema machten. Im Gegensatz zu Evchen, die sich vom empfindsamen Mädchen zur verzweifelten Töterin ihres Kindes entwickelt, macht Leutnant von Gröningseck eine Wandlung vom Verführer zum Liebenden durch. Was das Werk besonders natürlich macht, ist die Sprache, die Wagner verwendet. Er scheut vor der Sprache der unteren und mittleren Stände, mit Einbezug der Dialekte, nicht zurück. Ihm ist es nämlich wichtig, die Wirklichkeit so genau wie möglich darzustellen. So zeigt der Dialekt der Fausthämmer ihre Herkunft. Wagner verwendet aber die Sprache auch für die Charakterisierung der Personen; zum Beispiel entlarvt die Sprache die Mutter Evchens: Sie ist dumm, geil, gierig und stammt aus der Unterschicht. Als weiteres Darstellungsmittel zur Charakterisierung wechselt Wagner je nach der Gemütslage einer Person die Stilhaltung ihrer Sprache, vor allem bei Evchen. Ein absolut gelungenes Werk!
Barbara Lang & Sidonia Niederer, Bündner Kantonsschule, Chur
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 12. November 2001 | | |
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